Die sechste Etappe: Von Klanxbüll bis Emmerich


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Von Klanxbüll nach Simonsberg

Von Simnsberg nach Friedrichskoog

Von Friedrichskoog nach Ottendorf

Von Ottendorf nach Eckwarderhörne

Von Eckwarderhörne nach Schillig

Von Schillig nach Loquard

Von Loquard nach Lathen

Von Lathen nach Ülsen

Von Ülsen nach Kotten

Von Kotten nach Emmerich

 

 Donnerstag, 30. Mai 2002

Um 18:10 Uhr bin ich heute abend mit dem Zug von Bad Nauheim zu meiner nächsten Etappe gestartet, nachdem ich mich heute morgen mit dem Rennrad 80 km warm gefahren und anschließend gepackt habe.

Auf dem Weg zum Bahnhof mehrere Versäumnisse entdeckt:

  • Kartenhalter vergessen
  • Captain vergessen (mein Maskottchen)
  • Haarbürste vergessen (10 Tage Wuschel?)
  • Wohnzimmeruhr nicht angehalten
  • Sicherungen (Galerie und Eßzimmer) nicht rausgedrückt ....

... macht nix, läßt sich alles regeln. Dafür habe ich eine Kamera dabei, so dass dieses Tagebuch nachfolgend auch Bilder enthalten wird.
 

Jetzt (eigentlich ist schon der 31. Mai - Birgits Geburtstag) komme ich gerade in Hamburg an - vier Stunden Aufenthalt in Altona - um 4:30 Uhr geht's weiter und um 7:45 Uhr bin ich in Klanxbüll - die Nordseeküste ruft!

Eigentlich hab ich viel zu wenig trainiert (war ständig Sch... - Wetter) - höchstens 300 Kilometer. Mal seh'n wie's läuft - bis zur holländischen Grenze werd ich wohl kommen.
 

Freitag, 31. Mai 2002

Das war wieder mal ein gemischter Start! Vier Stunden Aufenthalt in Altona etwa zur Hälfte verschlafen, die Weiterfahrt nach Klanxbüll ebenso.

Kaffee und belegtes Brötchen in einer Bäckerei am Klanxbüller Bahnhof. Den ersten Startversuch hab ich nach knapp hundert Metern wegen eines einsetzenden Gewitters abgebrochen und bin wieder in die Bäckerei geflüchtet zu einem weiteren Kaffee. Als Wolkenbruch und Hagel nach einer guten Stunde vorbei waren bin ich gegen 9:15 Uhr erneut gestartet. Gegenwind, Seitenwind, Rückenwind, dunkle Wolken. Kurz vor Nordstrand, zufällig gerade unter Dach, neues heftiges Gewitter zusammen mit den einzigen weiteren Radwanderern für heute ( eine junge Familie) gut überstanden. Danach blieb es trocken, die Sonne kam durch und ich hatte sogar viel Rückenwind.
 

 

 Nordstrand habe ich durchgehend am Deich umrundet und dann noch in Husum ein paar Besorgungen getätigt. Die Stadt erkunden brauchte ich nicht mehr, da ich vor 1 Jahren hier einen Kurzurlaub verbracht habe.
 

 Jetzt bin ich in Simonsberg gleich hinter Husum auf einem Campingplatz hinterm Deich. Eben hat es wieder etwas getröpfelt. Die Wettervorhersage für morgen: noch nicht eindeutig, Tendenz zu besser.

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Samstag, 1. Juni 2002

Heute war ein schöner Tag! Ich bin den ganzen Tag mit Sonnenbrille gefahren (nachdem ich sie gestern gar nicht gebraucht hatte). Mit dem Wind hatte ich auch Glück. Richtigen Gegenwind gab es nur zum Schluss eine gute Stunde, dafür aber ansonsten viel Rückenwind. So habe ich ohne Probleme 120 Kilometer geschafft. Doch der Reihe nach:
 

 Eiderstedt konnte ich fast komplett vor oder hinter dem Deich umrunden und hatte dabei die Gesellschaft von unzähligenSchafen und vielen Seevögeln. Auf dieser Reise kann ich endlich mal die Gezeiten richtig kommen und gehen sehen. Menschen waren nur wenige unterwegs. Oft war ich lange Strecken ganz allein unterwegs. Erst in und um Sankt-Peter-Ording gabs Menschen- massen. Da hab ich dann auch das erste Radler auf meiner Tour getrunken, das hier Alsterwasser heißt. Bei dem schönen warmen Wetter gab es mehr Durst. Kurz hinter Sankt Peter war wieder tote Hose. Nach dem Eider- Sperrwerk ging es etliche Kilometer mit Seitenwind schnurgerade nach Süden.

In Büsum letzte Einkäufe für das Wochenende getätigt: Eine große Dose Eintopf für heute und eine kleine für morgen (zwei große hätte ich nicht untergekriegt), Rotwein und Apfelschorle. Eine Radwanderkarte habe ich wieder nicht bekommen, so dass ich morgen vormittag mal wieder ins "Niemandsland" fahre. Auch für den vergessenen Radkartenhalter gabs noch keinen Ersatz.
 

 

 Nachdem ich gestern fast unzählige Türen an Viehgattern öffnen mußte (zu gehen sie von selber, da sie alle schräg eingebaut sind), hab ich heute mitgezählt - waren aber nur 24.
 

Jetzt bin ich in Friedrichskoogspitze gelandet (heißt wirklich so, da an der Westspitze des Friedrichskoog gelegen). Ein einfacher Campingplatz, ziemlich klein, morgen keine frischen Brötchen, also nur Kaffee und Schokolade, die ich zufällig heut gekauft habe.

Heut werde ich wohl mal wieder im Hellen schlafen gehen. Übrigens steht gleich hinter dem Campingplatz am Deich ein Ölbohrturm und draußen vor dem Watt liegt eine Bohrplattform.

 

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Sonntag, 2. Juni 2002

Nachtrag am Morgen: Dieser Campingplatz verdient ein gerade noch ausreichend!

Pluspunkte: Er ist sauber und überschaubar.

Minuspunkte: Es gibt keine Frühstücksbrötchen (ist heute weitgehend Standard), warmes Wasser gibt es ausschließlich (!) gegen Bares (Dusche, Waschbecken und Spülraum) und das schärfste (habe ich noch auf keinem Platz vorher erlebt): Nach getaner Tat sieht man sich in der Toilette ohne Vorwarnung damit konfrontiert, dass keine Spur von Toilettenpapier vorhanden ist! Nicht dass es ausgegangen wäre, es ist gar nicht erst vorgesehen. Da hieß es dann verkniffenen Schrittes den Rückweg zum Zelt antreten und den glücklicherweise für eventuelle "Waldsitzungen" vorgesehenen Notvorrat holen. Alles in allem: Service mangelhaft für 7 !
 

Heute abend schreibe ich mit Taschenlampe. War ein langer Tag!

Start wieder gegen halb zehn ohne richtiges Frühstück. Gleich in kurzen Ärmeln gestartet, da es warm und wolkenlos war. In Friedrichskoog die Kirche gesucht und gefunden. Wäre sogar pünktlich zum Gottesdienst gekommen, leider aber gabs heute keinen. Also hab ich stattdessen für das leibliche Wohl gesorgt und gepflegt im Café gefrühstückt. So ist es dann bis zum richtigen Start ziemlich spät geworden.

 Zunächst gings ca. 60 Kilometer gegen moderaten Wind in Richtung Osten die Unterelbe hoch, vorbei an zwei Atomkraftwerken (Brunsbüttel und Brokdorf) bis Glückstadt.
 

 

In Brunsbüttel eine kurze Fährfahrt über den Nord-Ostsee-Kanal und in Glückstadt wieder auf eine Fähre, diesmal über die Elbe nach Wischhafen. Dort vor einem Grillimbiss einen Salat gegessen und zwei Radler getrunken. Mein Getränkevorrat war inzwischen zur Neige gegangen. Die Fahrt am Südufer der Elbe hinunter Richtung Westen mit Rückenwind (!) ging fast immer hinter dem Deich entlang. Hier gab es mehr Kühe als Schafe. Ansonsten war's total einsam. Wiesen, ein paar Felder und immer wieder Brachland, kein Dorf, kein Hof, nur ab und zu ein paar versprengte Radler und Skater. Hier ist es so platt, dass man wirklich samstags schon sieht, wer sonntags zu Besuch kommt. Da ich den ganzen Tag ohne Karte auskommen musste, hatte ich keine Ahnung, ob und wann ich einen Campingplatz finden würde.
 

Schließlich habe ich mich nach Otterndorf durchgefragt zu einer Freizeitanlage an einem kleinen See hinterm Deich ("achtern Diek") 14 Kilometer vor Cuxhaven. Der "Endspurt" über 12 Kilometer an einer vielbefahrenen Bundesstraße war weniger angenehm.

Der Platz ist ok. für wieder mal 7 . Es gibt ein großes gepflegtes Sanitärgebäude, Duschmarken gibt's nicht, Wäsche konnte ich waschen (wird hoffentlich trocken, war schon so spät heute). Leider muss ich den ganzen Abend Leitungswasser trinken, da ich natürlich heute, am Sonntag nichts einkaufen konnte und beim Abendspaziergang auch keine offene Kneipe gefunden habe. Dafür gabs auf dem Deich einen schönen Sonnenuntergang zu bewundern.

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Montag, 3. Juni 2002

Abenddämmerung - die Amseln singen herrlich und vor dem Deich rauscht das Meer. Es ist Flut am Jadebusen.
 

 Heute morgen kurz nach 9 Uhr Start am Deich entlang Richtung Cuxhaven. Dort hab ich erst mal einen Bummel gemacht. Radkarte gekauft (aber wieder keine Anschlusskarte, also ist morgen vormittag wieder Schluss), wieder keinen Kartenhalter gekriegt. Im Penny oder Plus eine Müller-Schoko-Milch, 1 Pfund Fruchtquark und 1,5 Liter Birnensaft erstanden - dazu später mehr! Im Internet-Café nach E-Mails usw. geschaut und Urlaubsgrüße an die Kolleginnen und Kollegen geschickt - und dann war's bald Mittag!

Anschließend 60 Kilometer Gegenwind bis Bremerhaven. Was auffiel: Die Deiche waren leer! Weder Schafe noch Kühe zu entdecken. Unterwegs zweimal (weil zwischendurch kurze Pause) eine Gruppe junger, "gestählter" Mountainbiker überholt, während der Gegenwind immer stärker wurde. Zwischendurch bin ich "liegend", mit den Ellenbogen auf dem Lenker gefahren. War leichter!

 

 

 

 

 Sehenswert war die Fahrt durch den Bremerhavener Containerhafen. Von Bremerhaven nach Blexen wieder mal - über die Weser - Fähre gefahren und dann endlich mal wieder Rückenwind in Richtung Nordwest.

Unterwegs wurde mir zunehmend blümerant bei der verzweifelten Suche nach einer Toilette.

Quark und Birnensaft sind wohl eine unheilvolle "schlagende Verbindung" eingegangen! Ich hab's gerade rechtzeitig zu einer Restaurant-Toilette geschafft!

Butjadingen - die Region zwischen Bremerhaven und dem Jadebusen - hab ich bis heut abend umrundet (zum Schluss wieder mit Gegenwind). Jetzt bin ich in Eckwarderhörne wieder auf einem sehr guten Campingplatz. 10 für die Nacht, dafür wieder keine Duschmarken, sondern Schlüssel für Sanitär- und sonstige Räume. Dazu gehört ein Aufenthaltsraum mit einer Küche (statt Geschirrspülraum). Alles sehr gepflegt! Morgen um 8:30 Uhr kommt der Bäcker.

Wahrscheinlich werde ich bis dahin alles verpacken, in der Küche Kaffee kochen und im Aufenthaltsraum frühstücken.

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Dienstag, 4. Juni 2002

Der größere Teil der Küste liegt inzwischen hinter mir. Heute ist's wider Erwarten trocken geblieben.Der Wind macht was er will, wechselt ständig die Richtung und ist heut abend ziemlich böig.

Vor dem Start heute morgen auf dem Herd in der Campingplatzküche Kaffee gekocht und mit Tisch und Stuhl im Aufenthaltsraum gefrühstückt - kam mir ziemlich deplaziert vor! Dann gute 30 Kilometer Fahrt bis Varel am Südende des Jadebusens, dort eingekauft - auch einen Kartenhalter habe ich endlich bekommen.

Weiter nach Norden in Richtung Wilhelmshaven begann es mühsam zu werden. Ich konnte nicht mehr richtig sitzen und die Oberschenkel schmerzten. 

 

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Nördlich von Wilhelmshaven gibt es vier große Löschbrücken für Öltanker - war aber nur ein Tanker da. Mit Mühe bin ich dann bis Schillig gekommen (von jetzt an geht's erstmal nur noch nach Westen) und auf dem teuersten Campingplatz meines bisherigen Camperlebens gelandet. Ich musste wahrhaftig einen ganzen (Wohnwagen-) Stellplatz bezahlen - mit Kurtaxe 18 ! Das will ich aber noch nicht auf sich beruhen lassen, sondern morgen einen Verantwortlichen erfragen. Ob's was bringt weiß ich nicht.

Wenns meinem Hintern morgen nicht besser geht, werde ich nur eine stark verkürzte Etappe fahren. Übermorgen soll das Wetter schlechter werden. Mal sehn wie weit ich noch komme.

 

Mittwoch, 5. Juni 2002

Ach hab ich's heut abend mal wieder gemütlich! Kleiner schnuckeliger Campingplatz hinterm Deich, kleine separate Zeltwiese mit zwei Zelten und einer Bierzeltgarnitur - also mal wieder richtig sitzen mit Wein und Buch. Und dann noch ne interessante Gesprächspartnerin - Ärztin aus Paderborn, die per Rad mit Hund unterwegs ist. Pico, der Hund, ist ziemlich verzogen. Kläfft alles und jeden an. Eben durfte ich ihn aber streicheln.

Aber zurück zur Tagestour: Meine Reklamation heute morgen hatte Erfolg. Statt 18 habe ich nur 8,50 bezahlt. Traumhaft waren die ersten 75 Kilometer: Ständig steifer Rückenwind, längere Strecken ohne Anstrengung mehr als 30 Stundenkilometer gefahren. In Harlesiel die erste Pause, endlich die Ansichtskarten auf den Weg gebracht.

Hinter Norddeich (inzwischen die holländische Küste im Blick) wurde es dann haarig: Etliche Kilometer kam der inzwischen steife Wind frontal oder bestenfalls von schräg vorn. Eigentlich wollte ich einen Campingplatz ganz "unten" am Dollart erreichen, doch dann habe ich diesen kleinen gemütlichen Platz entdeckt und außerdem hat mein Hintern auch signalisiert dass es reicht.
 

 Wegen des steifen Windes habe ich heute auf Dosenfutter verzichtet weil ich es nicht wagen wollte den Spirituskocher in Betrieb zu setzen. Inzwischen hat es sich aber doch soweit beruhigt, dass auch das kein Problem gewesen wäre. Macht nix! So hab ich das Abendessen mit Brötchen, Wurst und Käse und einem Schokopudding (und dem obligatorischen Rotwein) gestaltet.

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Donnerstag, 6. Juni 2002

Das Meer liegt endgültig hinter mir! Die Nordgrenze habe ich ja eigentlich schon gestern in Norddeich verlassen, aber erst seitdem mit dem Dollart das letzte Stück Meer hinter mir liegt, habe ich wirklich das letzte große Stück - die Westgrenze - begonnen.
 

 Um 9:15 Uhr bin ich vom Campingplatz bei Loquard gestartet und mit Seiten- bis Rückenwind nach Emden gefahren. Die Fahrt durch Emden bis zur Fähre in Petkum war echt ätzend - lauter Hauptverkehrsstraßen! Über die Ems bin ich mit der kleinsten Fähre auf der ganzen bisherigen Tour gefahren. Vier Radfahrer, viele Fußgänger und ein Auto waren an Bord.

Nach der Überfahrt wurde es wieder extrem ländlich. 10 Kilometer ging es noch hinter dem Deich weiter, weitere 10 Kilometer abseits über Land bis zum endgültigen "Meerende" an der holländischen Grenze.

Weiter ging es in der Grenzregion auf kleinen Straßen mal dies-, mal jenseits der Grenze, bis mich Hunger und Durst gezwungen haben, die unmittelbare Grenzregion zu verlassen, weil dort weder Laden noch Kneipe in Sicht waren.
 

 

Nach einigem Durchfragen habe ich tatsächlich einen kleinen Laden gefunden, mich für den Abend eingedeckt und einen kleinen Nachmittagsimbiss organisiert. Da ich inzwischen schon mehr als 80 Kilometer auf dem Tacho hatte, bin ich gleich weiter südlich Richtung Ems gefahren, die sich hier durch die Gegend schlängelt und wo es Campingplätze gibt.

Jetzt bin ich auf einem Campingplatz direkt an der Ems hinter einem Hotel - wieder überschaubar und gemütlich - in Lathen. Mein Zelt steht direkt am Ufer der Ems, ich schaue direkt aufs Wasser, gegenüber ragt ein Kirchturm aus dem Grün und in den drei Stunden seit meiner Ankunft sind zwei Lastkähne vorübergetuckert. Ich glaube hier könnte man auch gut paddeln. Seit meiner Ankunft hat's ein paarmal leicht getröpfelt und morgen soll's sehr gemischt werden - mal sehn!
 

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Freitag, 7. Juni 2002

Eine Woche ist wirklich toll rumgegangen! Dafür war es heute, am achten Tag, ziemlich gemischt! Schon in der Nacht hatte es leicht geregnet und morgens als ich - später als sonst - nach acht Uhr aufgestanden bin hat es leicht genieselt. Brötchen musste ich im Dorf holen und dann hat es in den Kaffee getröpfelt.

Also bin ich gegen halb elf mit regenverpacktem Gepäck und Regenjacke gestartet. Gute 20 Kilometer zurück Richtung Grenze und nach Süden ging's ganz gut doch dann fing es richtig an zu regnen. In einem Buswartehäuschen hab ich erstmal eine gute Stunde vertrödelt und bin dann, als keine Ende des Regens in Sicht war, in voller Regenmontur weitergefahren. Nordöstlich von Nordhorn gibt es eine große "deutsche Beule" Richtung Westen. Mit der Umrundung dieser Region habe ich den Rest des Tages zugebracht. Nach zwei Stunden Regenfahrt, die ich zum Teil auf holländischen Radwegen ("Fietspaad" - zum Teil besser asphaltiert als die Straße und mit Mittelstreifen) zugebracht habe, hörte es tatsächlich wieder auf zu regenen.
 

Die Straßen entlang der Grenze waren meist verbundsteingepflasterte Wege, kreuz und quer, aber immer schnurgerade. In Laar, am äußersten westlichen Ende, hab ich ein paar Lebensmittel eingekauft. Der Laden war ein "Tante-Emma-Laden" wie aus dem Bilderbuch: "Textilien, Kurzwaren, Lebensmittel", ein kleiner Raum, von vorn bis hinten und bis unter die Decke vollgestopft mit allem was das Herz begehrt. Sowas hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.

Später, ab Wielen, wurde es fast bergig: Nach 800 Kilometern wieder mal Höhenunterschiede von fünf bis zehn Meter, die sogar zum Zurückschalten zwangen. So hab ich mich dann weiter vorgearbeitet, einmal verfahren, weil es nirgends Hinweisschilder gab. Aber sonst - dank dem neu gekauften Kartenhalter - manövrierfähig!


Jetzt bin ich in Ülsen, nordwestlich von Nordhorn, ca. vier Kilometer abseits der Grenzroute. Ein Drittel meiner Klamotten ist feucht von der langen Regenfahrt, es regnet, und da es nicht grundlegend besser werden soll, überlege ich morgen nachmittag heimzufahren weil ich die Sachen bei dem Wetter auch nicht trockenkriege. Mal seh'n wie es sich entwickelt!


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Samstag, 8. Juni 2002

Heute morgen schien die Sonne! Ich hab gleich versucht ein paar Sachen zu trocknen - mit mäßigem Erfolg. Start gegen 10 Uhr über Ülsen nach Nordhorn, Karte und Lebensmittel gekauft. Weiter Richtung Gronau über viele Kilometer an einer vielbefahrenen Bundesstraße. Ab Gronau um Enschede herum auf holländischen Straßen und Wegen, dann in den nächsten westlichen Winkel Deutschlands, nach Zillbrock.

Danach begann eine Odyssee: Ab Zillbrock wollte ich bis zu einem Campingplatz bei Stadtlohn auf dem Radweg R1 fahren. Der war allerdings ziemlich beschissen ausgeschildert. Einmal hatte ich ihn schon verloren und wiedergefunden. Dann führte er über 2 Kilometer über einen sehr schlechten Waldweg. Danach hätte der Campingplatz in Wenningfeld kommen müssen - stattdessen stand ich plötzlich in Vreden (viel zu weit nördlich), von wo ich mich weiter durchgefragt habe. Danach noch mal verfahren. Nach bereits 15 Kilometern Umweg endlich angekommen nur um festzustellen dass ich nicht bleiben konnte weil der Platz nur noch für Dauercamper und ohne sanitäre Einrichtungen war. Also weiter zum nächsten holländischen Platz auf meinem Weg (ca. 15 Kilometer). Dabei hab ich mich in Holland dann noch mal verfahren, kam wider Willen in Winterswijk an und musste noch einmal ein gutes Stück nach Süden, bis ich dann gegen 20 Uhr nach 135 Kilometern (davon gute 20 Kilometer Umwege) endlich auf dem Platz bei Kotten, kurz hinter der Grenze, gelandet bin.
 

Meine Energie hat erstaunlich gut gehalten. Zum Schluss bin ich noch mal etwa eine Stunde mit mehr als 20 Stundenkilometern fast gespurtet. Übrigens war es trotz mieser Wettervorhersage den ganzen Tag trocken und mild.

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Sonntag, 9. Juni 2002

Der Sonntag begann noch einmal sehr schön. Da ich diesmal gern irgendwo einen Gottesdienst besuchen wollte, bin ich gegen 9 Uhr (ohne Frühstück, da es keine Brötchen gab) gestartet und gegen den Wind bis Oeding, dem ersten Ort auf deutscher Seite gefahren. Dort stand auch gleich eine imposante Backsteinkirche, die sich als eine katholische erwies. Die evangelische war aber auch nicht schwer zu fnden, da ich nur dem Geläut folgen mußte.

Ich fühlte mich an zuhause erinnert. Wie dort gab es neben der großen katholischen eine ganz kleine evangelische Kirche. Bis zum Gottesdienst war noch eine halbe Stunde Zeit, so dass ich mit den unterwegs gekauften Brötchen ein gemütliches Frühstück auf einer Bank direkt unterm Kirchturm einlegen konnte. Nach dem Gottesdienst ging es weiter an der Grenze entlang - mal hüben mal drüben - über 65 Kilometer bis an den Rhein nach Emmerich.

Die Grenze macht sich hier kaum noch bemerkbar. Das auffälligste sind die etwas unterschiedlich gestalteten Verkehrszeichen und Straßennamensschilder. Die Orte Dinxperlo in Holland und Suderwick in Deutschland sind - wie andere Orte auch - komplett zusammengewachsen. Hinter jeder Ecke kann man sich plötzlich im anderen Land wiederfinden.

Auf dem Weg nach Emmerich habe ich dann beschlossen, das Ende dieser Etappe einzuläuten. Erstens konnte ich so mit Wochenendticket heimfahren. Zweitens tat mein Hintern nach der Gewaltstour gestern ziemlich weh. Drittens hatte ich auf der ganzen Strecke heftigen Gegenwind und viertens schien mir der Rhein ein markanter Einschnitt zu sein.

Gegen 14 Uhr war ich in Emmerich, hab dort außer einem Stück Kuchen und einem Tee in einem Café nix in den Magen gekriegt und bin um kurz vor drei Uhr mit dem Zug abgefahren. Mit der Fahrt hatte ich großes Glück. Der Zug fuhr bis Koblenz, von wo ich nach Gießen weiterfahren wollte (in der Hoffnung, dass auf dieser Strecke auch sonntags abends noch Züge fahren würden). Auf Anraten des Schaffners bin ich schon in Köln-Deutz ausgestiegen (dort im Gewühl fast von ein paar Kids beklaut worden) und einen Zug über Siegen nach Gießen erwischt. Unterwegs war eine Baustelle per Schienenersatzverkehr zu umfahren, ansonsten lief das recht gut. Die letzte Etappe von Gießen bis Ostheim ging bis zur Abenddämmerung, so dass ich kurz vor Einbruch der Nacht durch nasse Felder nach Hause gekommen bin. Ein Drittel meines Gepäcks war noch immer von dem großen Regen zweieinhalb Tage vorher ziemlich klamm.

Alles in allem waren es wieder zehn wirklich schöne Tage mit vielen neuen Eindrücken und viel Erholung (nur nicht für meinen Hintern). So wie es jetzt aussieht werde ich wohl im nächsten Jahr die letzte 1.000-Kilometer-Etappe fahren und damit das ganze Projekt schon nach sechs Jahren beenden.
 

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nächste Etappe