Die fünfte Etappe: Von Greifswald bis Westerland


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Samstag, 9. Juni 2001

Nach einem knappen Jahr wieder mal auf Achse. Start um 5:50 Uhr, schon spät dran. Auf der Usabrücke siedendheiß erinnert, daß die Radfahrklamotten noch im Schlafzimmer auf dem Stuhl lagen. Also panikartig zurück, Klamotten in die Packtasche gestopft und mit dem vollgepackten Rad in 22 Minuten zum Friedberger Bahnhof gespurtet, wo ich auf den Bahnsteig gekeucht kam, als der Zugbegleiter gerade die Pfeife zum Mund hob.
 

 Von 6:16 Uhr bis um 18:42 Uhr mit achtmal Umsteigen (Hanau, Fulda, Bebra, Göttingen, Ülzen, Lüneburg, Lübeck, Rostock) nach Greifswald gefahren. Der Bahnhof in Ülzen ist übrigens sehenswert: Eine konventionelle Backstein-Architektur, von Friedensreich Hundertwasser umgestaltet mit bunten Türmchen und anderen Besonderheiten.

Von Greifswald per Rad bei sonnigem, aber kaltem Wetter 22 Kilometer bis zur Fähre in Stahlbrode, dort um 8:00 Uhr Überfahrt nach Rügen und noch einmal acht Kilometer Radfahrt zum Campingplatz bei Zicker am südöstlichen "Zipfel". Dort den bisherigen Spitzenpreis für die Übernachtung bezahlt: 22 DM ohne Duschen.  
 

 Beim Zeltaufbau sofort von Mückenschwärmen überfallen worden, bei andauerndem Kampf gegen diese Geschwader einen "feurigen Westerntopf" aus meinen Wochenendvorräten zubereitet und verspeist. Der Abend war unruhig, nach 22:00 Uhr noch lautstarke Konversation und Musik.

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Sonntag, 10. Juni 2001

Klick-klick-klack tropft der Regen aufs Zeltdach. Gerade schien mal kurz die Sonne - aber der Reihe nach:

Heute morgen um kurz nach acht Uhr aufgestanden (die Sonne war gerade aufgetaucht), Brötchen geholt, gefrühstückt, gepackt und um 9:45 Uhr gestartet. Die Sonne hatte sich halb im Dunst verzogen, die Schwalben flogen sehr tief. Viel Gegenwind. Das Meer muß um Rügen ein unerklärliches Gefälle haben. Es ging ständig bergauf, fast nie bergab und doch bin ich immer wieder am Meer gelandet. Gleich am Vormittag bin ich durch Schabernack gefahren. War aber irgendwie ein ganz normales winziges Dorf. Bis Prora wurde es langsam immer ungemütlicher, die Schwalben flogen noch immer auf der Höhe meiner Pedalen. In Prora habe ich das KDF-Bad aus dem "dritten Reich" aus der Nähe betrachtet, dessen Gebäude zwar zu mindestens 90 % leer stehen, aber erstaunlich gut erhalten sind. Einiges ist von Museen, Galerien und einer Kindertagesstätte belegt, es gibt eine KdF- und eine NVA-Ausstellung. Auf Ausstellungen hatte ich aber keine Lust.

Kurz hinter Prora fing es an zu Tröpfeln. Das ging so bis Saßnitz, wo das Tröpfeln in Regen überging, nicht doll, aber stetig. 60 Kilometer hatte ich hinter mir und wollte eigentlich bis zum Kap Arkona kommen, bin dann erstmal in Saßnitz in ein Café eingekehrt für ein Kännchen Tee, ein Stück Apfelstrudel und etwas Lesen. Schließlich, als es nicht besser wurde, alles regendicht verpackt und weitergefahren. Den Königsstuhl habe ich bei diesem Wetter rechts liegenlassen und bin jetzt, nach weiteren 30 Kilometern, kurz vor der Nordostspitze der Insel bei Juliusruh in einem Feriencamp. Die Rezeption war geschlossen, ich habe aber Leute ohne Wohnmobil (und damit ohne eigene Dusche) gefunden, die mir eine Duschmarke überlassen haben. Das Zelt im Regen aufgestellt (gut, daß das so schnell geht) und nach dem Duschen im Geschirrspülunterstand Linsensuppe heißgemacht.
 

 Jetzt bin ich zeitig fertig, der Regen legt gerade die zweite Pause ein (morgen soll's nicht viel besser werden - aber dann!), ich höre Jazz im mitgebrachten kleinen Radio, habe alle meine Sachen feucht im Zelt liegen und werde wohl bald schlafen (es ist halb neun). 

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Montag, 11. Juni 2001

Viertel vor elf, Feierabend. Wird aber auch Zeit! Wieder mal eine Gewaltstour absolviert. Nach elf Stunden, die ich ganz gut verschlafen habe, bin ich um kurz nach acht Uhr aufgestanden und - oh Wunder - die Sonne schien! Also schnell alle nassen Sachen aufgehängt! Zwei passende Bäume für meinen Spanngurt standen in der Nähe. Zur Abfahrt um 9:45 Uhr war außer den Schuhen alles trocken. Zuerst habe ich das alte Fischerdorf Vitt besucht und danach Kap Arkona. Zweimal viel zuviele Touristen, also war ich jeweils schnell wieder weg. Die Fahrt an der Nordküste ging direkt an der Steilküste entlang. Dann weiter Richtung Süden / Stralsund. Am Wieker Bodden ein dienstlicher Anruf. Da Rügen sehr "zerklüftet" ist, mußte ich noch mal Fähre fahren. Den Campingplatz bei Altefähr, kurz vor Stralsund, habe ich ignoriert, da ich nach knapp 90 Kilometern noch weiterkommen wollte. Die Umrundung Rügens war übrigens ca. 180 Kilometer lang. Nach Stralsund führt der "Rügendamm", eine auf einem Damm und zwei Brücken gebaute Straße in erheblicher Höhe. Da oben war der stärkste Gegenwind des Tages. Stralsund ist, soweit ich es gesehen habe, noch ziemlich sanierungsbedürftig.

Von Stralsund ging es zunächst Richtung Nordnordwest und später Südsüdwest weiter, jeweils mit steifem Gegen- oder Seitenwind. Die letzten 20 Kilometer frontaler, starker Gegenwind bis hinter Barth, unmittelbar vor dem Übergang auf den Darß (vorher war kein Campingplatz zu finden).
 

Da liege ich nun im Zelt, es ist viertel nach elf , die Bäume über mir rauschen gewaltig und ich werde jetzt schlafen.

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Dienstag, 12. Juni 2001

Heut liefs nicht so doll. Ganz früh am Morgen fings an zu Regnen. Immer wieder Schauer in kurzer Folge. Dies und die Strapaze von gestern führten dazu, daß ich mich erst um viertel nach zehn von meinem Schlafsack trennen konnte. Das war dann aber auch rechtzeitig zum vorläufigen Ende des Regens. Beim Frühstücken und Packen habe ich mir Zeit gelassen, so daß noch einiges abtrocknen konnte. Start war um 12:15 Uhr. Gegen heftigen Wind nach Zingst und weiter Richtung Osten mit Rückenwind. Zwischendurch mußte ich vor einem heftigen Schauer unter die nächsten Bäume ins Gesträuch flüchten. Anschließend funktionierte meine Gangschaltung nicht mehr richtig. Vorne konnte ich nicht mehr in die oberen Gänge schalten und die Kette schleifte am Umwerfer.

So bin ich in großem Bogen durch schöne Landschaft zurück nach Zingst gefahren und gleich bei einem Fahrradhändler gelandet. Dort konnte man mir nicht helfen, da der Chef nicht da war. Also weiter nach Prerow. Unterwegs ist mir in einem Wäldchen irgendwas in die Speichen geraten. Es tat einen heftigen Schlag. Passiert ist weiter nichts, dafür funktionierte meine Gangschaltung plötzlich wieder einwandfrei. Auch ein Fahrrad hat Selbstheilungskräfte!

Nachdem ich in Prerow noch einen ausgiebigen Schauer in einem Café bei einem Kännchen Tee ausgesessen habe, wurde das Wetter deutlich besser. Bald war der Himmel fast wolkenlos, so daß ich noch gut weitergekommen bin. Nur der Wind bläst unvermindert weiter.

Jetzt bin ich in Graal-Müritz wieder mal auf einem sehr großen Campingplatz gelandet. Umgeben von Hochwald direkt am Meer steht mein Zelt unter einer großen Buche und wird wieder vom Wind gebeutelt.
 

Außer den Bäumen rauscht heute auch das Meer. Wegen des späten Starts habe ich heute bei weitem nicht so viel geschafft wie gestern (muß aber auch nicht sein), dafür bin ich auch nicht so kaputt.

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Mittwoch, 13. Juni 2001

Wismar liegt hinter mir, Wessiland rückt näher. Nein, jetzt warte ich nicht mehr so sehnsüchtig darauf wie nach den zum Teil deprimie- renden und beängstigenden Erfahrungen und Eindrücken während der letzten Etappe. Die Entwicklung hier in der Tourismusregion, die ich seit Sonntag durchfahre, ist eine ganz andere. Wahrscheinlich werde ich kaum Unterschiede zwischen dies- und jenseits von Lübeck wahrnehmen. Das betrifft auch die Sprache: Hier spricht man Norddeutsch, so daß es keinen so abrupten Bruch wie von Bayern nach Sachsen geben wird.

Auf eins bin ich aber doch gespannt: Ob es einen Unterschied in Austattung und Preisen bei den Campingplätzen gibt. Der heutige, nördlich von Wismar direkt am Meer, ist zwar nicht teuer (14 DM ist normal). Die Duschmarke habe ich sogar umsonst gekriegt. Wahrscheinlich habe ich so erbarmungswürdig verschwitzt ausgesehen. Gerade beim Geschirrspülen habe ich dann aber festgestellt, daß das entgeltpflichtige Duschwasser das einzig verfügbare Warmwasser auf diesem Platz ist, so daß ich mein Eintopfgeschirr kalt spülen mußte.

Jetzt aber zum heutigen Tag: Morgens keine Lust zum Aufstehen. Beim "Ausstieg" aus dem Zelt gegen neun Uhr wußte ich warum: Es war "arschkalt", windig wie gehabt und der Himmel grau in grau. Nach dem Frühstück Start gegen halb elf. Gleich nach 300 Metern einen Fehler gemacht: Versehentlich einen Wanderweg nach Markgrafenheide statt des Radwegs zum gleichen Ziel erwischt. Härtetest für Radwanderer auf ca. 6 Kilometer. Verschiedene Aufgaben, die sich in loser Folge in unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad wiederholten:

  1. Tief ausgefahrener Weg, 70 cm breit, Sandboden, kurze 90-Kurven.
    Aufgabe: Nimm die Kurven so, daß Du nicht steckenbleibst und keine der beiden Packtaschen am Vorderad an den Böschungen abreißt.
  2. Sumpflöcher mit großen Wasserlachen und wenigen Knüppeln zum "Übersetzen":
    Aufgabe: Bring Dein Rad so auf die andere Seite, daß weder Deine Schuhe noch die Packtaschen absaufen.
  3. Pfad völlig zugewachsen, links Brennesseln, rechts Herkulesstauden.
    Aufgabe: Wähle das kleinere Übel.
  4. Diverse andere Einzelaufgaben waren noch eingestreut.

Nach fünf bis sechs Kilometern bin ich jedenfalls naß geschwitzt, aber lebend entronnen und habe mich zum ersten Mal über einen Plattenweg gefreut.

Bei Heiligendamm gings durch den Gespensterwald, einen Buchenhochwald, der mit kahlen Stämmen an der Abbruchkante der Steilküste endet und wirklich etwas gespenstisch wirkt. Ab Heiligendamm Sonne. Hinter Kühlungsborn nach Süden mit Rückenwind (!). Zweimal auf Anhöhen berauschende Ausblicke über die Ostsee, über Bodden und Inseln.

In Wismar die Nikolaikirche besichtigt, Rundgang durch die Stadt und dann weiter. Den ersten Campingplatz rechts liegen lassen, da ich noch ein wenig weiterkommen wollte. Der zweite hatte keine Duschen. Jetzt bin ich auf dem dritten (s. o.).
 

Es ist 22 Uhr und oben im Wald ruft der Kuckuck. Es ist fast windstill (zum ersten Mal seit Samstag abend), weder die Bäume noch das nahe Meer rauschen und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.

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Donnerstag, 14. Juni 2001

Wessiland hat mich wieder! Seit heute mittag fahre ich durch Holstein. Heute morgen gab es ca. sieben bis elf Regentropfen. Bei der Abfahrt um kurz nach zehn Uhr dräute im Nordwesten, also da wo ich hinwollte, eine dunkle Wolkenwand. Die dräute bis zum Mittag und hat sich dann verflüchtigt. Am Nachmittag kam die Sonne durch und später wars wolkenlos. Mein Gesicht hat eine intensive Farbe angenommen (nicht nur von heute) und meine rechte Wade hat außen zu viel Sonne gekriegt.

Von Steinbeck bis kurz vor Travemünde bin ich direkt an der Küste den Kolonnenweg aus NVA-Zeiten gefahren, der gar nicht mal so schlecht war wie nach diversen Schilderungen erwartet. An der Oder gab es wesentlich schlechtere Plattenwege. Natürlich gab es an der Steilküste steile Steigungen und Gefälle.

Von Priwall bis Travemünde gings ein "paar Meter" mit Fähre (zum vierten Mal auf dieser Etappe nach der Überfahrt nach Rügen, der Wittower Fähre auf Rügen und der Überfahrt nach Warnemünder bei Rostock. Lübeck habe ich ebenso wie Rostock links liegen lassen und damit nur zwei Hansestädte - Stralsund und Wismar - direkt angefahren.

Insgesamt bin ich heute viele Kilometer direkt am Meer gefahren. Schöner war die Fahrt von Travemünde nach Timmendorfer Strand immer an der Oberkante der Steilküste. Das folgende Stück habe ich - bis auf eine kleine Rast vor einer kleinen Kneipe - schnell hinter mir gelassen. Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Haffkrug, Sierksdorf - das war mir zu schicki-micki-touri-mäßig. Danach gings weiter durch "normale" Ostseebäder, teils auf dem Deich, teils abseits auf Straßen, einmal noch auf einer Anhöhe mit schönem Blick auf die Lübecker Bucht.

Seit ca. zehn Kilometern habe ich wieder das schon bekannte Problem mit meiner Gangschaltung, außerdem macht mein Tretlager Probleme. Morgen werde ich eine Fahrradwerkstatt aufsuchen. Übrigens bin ich heute auf einem sehr großen, aber überschaubar organisierten Campingplatz in Dahme gelandet. Das Wetter ist nach wie vor gut, es ist halb zehn und ich werde bald schlafen. Der Rotwein ist gleich alle und im Radio läuft gute klassische Gitarrenmusik im Deutschlandfunk. Morgen solls bei sonst schönem Wetter Gewitter geben. Die Wettervorhersage hat aber, solange ich hier oben bin, noch nicht einmal gestimmt.
 

Nach Fehmarn sinds noch knappe 30 Kilometer. Am Samstag müßte ich, wenn nichts dazwischen kommt, Kiel erreichen. Da werde ich dann wohl auf Verwandtenbesuch gehen.

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Freitag, 15. Juni 2001

Es ist wieder mal spät geworden. Eben, um kurz vor 22:00 Uhr, endlich geduscht. Es regnet mal wieder. Heute morgen und fast den ganzen Tag war schönstes Wetter, sogar viel Rückenwind. Die Sonnencreme habe ich mehrmals rausgeholt. Bei der Fahrt um Fehmarn hatte ich von allen Seiten Sonne. Aber ich greife wieder vor. Gestartet bin ich bei schönstem Wetter gleich mit kurzen Ärmeln. In Großen- brode, knappe 30 Kilometer entfernt direkt vor dem Fehmarnsund, war die erste Fahrradwerkstatt, die aber erst um 16:00 Uhr aufmachte. Also weiter ohne die hohen Gänge auf die Insel. Hinter Großenbrode bin ich auf den Seitenstreifen der vielbefahrenen Bundesstraße nach Fehmarn aufgefahren und war dabei wohl nicht sehr aufmerksam. Jedenfalls war nach 3 Kilometern nicht mehr zu übersehen, daß die Landschaft nicht zur Landkarte paßte. Dann fiel mir auch schlagartig auf, daß die Sonne auf der "falschen" Seite stand. Also bei nächster Gelegenheit die Seite gewechselt und zurückgestrampelt, diesmal die große, hohe Brücke im Blick. In der richtigen Richtung gab es sogar einen Radweg, der über die Brücke allerdings über einen "Notweg" führte, der schlechter war als ostdeutsche Plattenwege.

In Burg war das erste Ziel ein Fahrradladen, wo man zur Reparatur bereit war - allerdings nicht vor Montag. Freundlicherweise hat man mich zur nächsten Werkstatt, 200 Meter weiter, geschickt, wo ich mehr Glück hatte. Nach drei Stunden Zwangspause und der Bezahlung von 69 DM war das Rad als geheilt entlassen. Die Schwierigkeiten mit der Gangschaltung rührten tatsächlich nur vom defekten Tretlager her. Die Fahrt um Fehmarn habe ich mir trotz des Zeitverlustes nicht nehmen lassen. Die Nordküste der Insel ist eine der schönsten Ecken, die ich an der Ostsee bisher entdeckt habe. Auf dem Weg zurück zur Brücke hatte ich zeitweise mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Die Sonne war auch weg, so daß ich auf der Brücke wieder lange Ärmel anhatte. Zum Schluß bin ich noch ca. 25 Kilometer in Richtung Südwesten gefahren und bin jetzt am Weißenhäuser Strand auf dem ersten Campingplatz mit Duschmarkenautomaten, wo ich im beginnenden Regen ankam. Jetzt wird der Regen stärker und es gibt keinen Zweifel mehr: Mein Zelt ist undicht!
 

Irgendwo in der Dachspitze muß ein kleines Leck sein, um das ich mich zuhause kümmern werde. Einstweilen habe ich ein Badetuch untergelegt. So, jetzt "geh" ich schlafen.

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Samstag, 16. Juni 2001

Es war wieder mal ein gemischter Tag. In der Nacht bis zum Morgen hat es immer wieder geeregnet. Morgens konnte ich aber "trockenen Fußes" Kaffee kochen, frühstücken und packen. Das Zelt war natürlich noch total naß. Kurz nach dem Start gegen 10:00 Uhr schon wieder der erste Schauer, also mit Regenjacke weiter. Hat aber bald wieder aufgehört. Also Regenjacke aus, weil Sauna drunter und über nasse Wege bei dunkelgrauem Himmel weiter. Meine Hoffnung auf weiteren Ostwind war auch vergebens, so daß ich mich meistens gegen ziemlich steifen kalten Wind vorgekämpft habe. Bei der Einfahrt in die Kieler Förde Flucht vor einem kräftigen Schauer in bzw. vor ein Restaurant. Da es nicht so richtig aufhören wollte, Weiterfahrt wieder mit Regenjacke, die aber bald wieder ausgezogen. Der Blick auf viele, viele Segeboote und -schiffe zur heute beginnenden Kieler Woche war nicht zu verachten.

In Richtung Kiel, meist am Wasser entlang, wurde es wieder heller und wärmer, so daß ich schließlich wieder kurzärmelig weiterfahren konnte. Da Papa mich unterwegs angerufen hatte, wußte ich auch die Adressen der Verwandtschaft. Zuerst habe ich bei Muttis Verwandten geklingelt, Kaffee und Imbiß serviert bekommen und eine Stunde mit Sigrid geklönt. Anschließend weiter zu Papas Schwester, Tante Leni und Onkel Heinz. Dort nach dem gleichen Überraschungseffekt auch eine knappe Stunde verbracht und schließlich aufgebrochen zum Campingplatz in Schilksee. Auf dem Weg dorthin mußte ich mich ziemlich mühsam durch die Menschenmassen anläßlich der Kieler Woche kämpfen. Gegen 20:15 Uhr bin ich schließlich hier gelandet, Es gibt ungewöhnlich viele Zelte, was wohl auch mit der Kieler Woche zusammenhängt. Da die meisten "Insassen" jetzt nicht da sind, befürchte ich eine unruhige Nacht. Die Sanitärräume sehen übrigens so aus, daß ich in Ostdeutschland "eindeutig DDR-Standard" klassifiziert hätte.
 

Dafür gabs zum ersten Mal seit langem keine Duschmarken. Heute abend ist es übrigens schön und trocken. Mal sehn, was der morgige Tag bringt.

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Sonntag, 17. Juni 2001

Wieder hat's nachts bis zur Frühstückszeit immer wieder geregnet. Kaffee kochen und frühstücken ging dann ohne Regen und bis auf wenige vereinzelte Tropfen blieb es - entgegen der Vorhersage - den ganzen Tag trocken. Mittags in Eckernförde habe ich mich zweimal verfahren und dabei mindestens acht Kilometer Umwege gemacht. In Eckernförde war es auch, wo ich ernsthaft überlegt habe, zum Bahnhof und nach Hause zu fahren, da es "arschkalt" war. Bei einem wärmenden Tee habe ich darüber nachgedacht und, als die Sonne kurz durchkam, die Weiterfahrt beschlossen. Nachmittags wurde es auch deutlich angenehmer. Heute bin ich fast nur auf Radwegen an Straßen gefahren. Wege am Wasser entlang sind hier wohl wegen der geographischen Gegebenheiten kaum möglich. Bei Gelting ging es doch ein Stück am Deich entlang. Das hätte auch so weitergehen können, wenn nicht irgendwann der Radwegweiser ins Nichts gewiesen hätte. Ein Weg war weit und breit nicht zu entdecken, also sollte es wohl am Strand weitergehen.

Mit meinem bepackten Rad wäre ich fahrend ca. 30 cm und schiebend einen Meter weit gekommen, um dann im Sand zu versinken. Also bin ich dann hoch zur B 199 gestrampelt und habe den Rest der heutigen Strecke dort zurückgelegt. Da das sehr gut lief, habe ich es bis Glücksburg und damit zu einer günstigen Ausgangsposition geschafft (sozusagen die pole-position), um morgen zur Nordsee "überzuwechseln". Morgen ist der letzte Radfahrtag. Abends oder übermorgen früh will ich in Richtung Heimat abreisen.

Hier bin ich auf einem kleinen, ruhigen Campingplatz direkt am Ufer der Flensburger Förde, leider in einem Ausnahmezustand, da Rezeption und Kneipe wegen eines Wasserschadens geschlossen sind. Nette Nachbarn haben mir eine Duschmarke und ihren Schlüssel überlassen (dies ist der zweite Platz auf meiner Reise - der erste war an der Oder - wo jeder Gast einen Schlüssel für die Sanitär- und Spülräume be-kommt).
 

Gerade habe ich wieder Entenbesuch. Nachdem vorhin drei Erpel den neuen Gast aus der Nähe begutachtet haben, hat eben eine Ente in meinem frisch gespülten Kochtopf rumgestochert.

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Montag, 18. / Dienstag, 19. Juni 2001

Gestern erstmals abends nichts mehr geschrieben. Jetzt ist Dienstag nachmittag und ich bin bald zuhause (Kreiensen liegt hinter mir auf der Fahrt im Interregio). Ich habe tatsächlich gestern abend mehreres geschafft:

  1. Nach der Beendigung der Ostseeküstentour habe ich auch noch die Nordsee erreicht.
  2. Ich war am nördlichsten Punkt Deutschlands (der Nordspitze von Sylt)
  3. Dort oben waren auch die 1.000 Kilometer auf dieser Etappe voll.

Aber alles der Reihe nach: Morgens mußte ich meinen Kaffee "trocken" trinken, da es auf dem Campingplatz nichts gab und ich keine Lust hatte, auf der Suche nach einem Bäcker durch Glücksburg zu irren. In Flensburg gab's dann ein Käsebrötchen vom Bäcker und im Fahrradladen Öl für meine Kette, die dabei war, trocken zu laufen (Kettenöl hatte ich zuhause vergessen). Hinter Flensburg ging's in die "Einöde". Im nächsten Ort, Ellund, gab's noch einen kleinen Laden, an dem ich vorübergefahren bin. Danach kam nur noch tellerflaches Land, eine schnurgerade Straße und einzelne Anwesen - und das über fast 50 Kilometer. Ich hatte weder was zu Essen noch zu Trinken dabei. Zum Glück fand sich etwa auf halber Strecke eine einsame Kneipe, wo ich zwei Radler getrunken, gelesen und meinen geschundenen Hintern ausgeruht habe.

Ach ja, noch etwas gab es: Auf der ganzen Strecke einen steifen Gegenwind, der in Richtung Nordsee immer stärker und kälter wurde, so daß ich zum Schluß nur noch mit zehn bis vierzehn Stundenkilometern dagegen ankämpfen konnte. In einem Supermarkt kurz vor der Nordseeküste konnte ich mich dann endlich mit Apfelschorle, einer Dose Abendessen und einem Pfund Joghurt zum verspäteten Mittagessen eindecken. In sämtlichen Läden in Grenznähe - sowohl bei Flensburg als auch an der Nordsee - sind die Preise auch in dänisch angegeben, draußen wird auf dänisch für Sonderangebote geworben.

Schließlich bin ich in Klanxbüll angekommen, dem letzten Festlandsbahnhof vor Sylt und gleich rübergefahren bis Keitum. Von dort gings gleich weiter - gegen denselben Wind wie vorher - bis zum "Ellenbogen", dem nördlichen Ende von Sylt, das gleichzeitig der nördlichste Punkt Deutschlands ist. Der Norden Sylts besteht aus einer faszinierenden Landschaft, in der man sich plötzlich ins Hochgebirge versetzt fühlt. Es gibt ausgedehnte Dünengebirge, die fast vollständig mit niedrigen Planzen bewachsen sind. Was in den Alpen Schneefelder in Mulden oder an Nordhängen sind, das sind hier fast ebenso wirkende freiliegende Sandflächen. Die Fahrt durch diese Landschaft war ein Erlebnis. Der Campingplatz in Westerland, auf dem ich dann gelandet bin, hat gleich Platz eins der Hitliste der teuersten Campingplätze eingenommen: 16 DM fürs Zelt, 7 DM pro Person und 3,50 DM Pauschale für Müll und Abwasser. Das waren für mich 26,50 DM, und da ich nur noch den polnischen Nachtwächter angetroffen habe, der nicht rausgeben konnte, habe ich schließlich 30 DM gelöhnt, dazu eine Mark fürs Duschen.

Mein Zelt, das ich im Windschatten hinter der Rezeption aufgestellt hatte, wurde trotzdem die ganze Nacht vom Wind so heftig gebeutelt, daß ich Angst hatte, es würde die Heringe aus dem Boden ziehen. Ist aber alles gutgegangen.
 

Heute morgen bin ich früh zum Bahnhof geradelt und um 8:26 Uhr mit dem IC Richtung Hamburg-Harburg gestartet. Dort Umstieg in einen Interregio, der um 17:16 Uhr Friedberg erreichen soll, so daß ich heute abend bei der Gemeindevertretersitzung anwesend sein kann.
 

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Damit habe ich im vierten Jahr der Gesamtunternehmung weit mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke bewältigt. Es bleiben noch gute 2.000 Kilometer zu fahren. Wenn auch die Nordsee hinter mir liegt, kommen noch einige mir bisher völlig unbekannte Gegenden.


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