Die dritte Etappe: Von Zwiesel bis Wolkenstein


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Von Zwiesel nach Treffelstein

Von Treffelstein nach Plößberg

Von Plößberg zum Pirk-Stausee

Vom Pirk-Stausee nach Sosa

Von Sosa nach Wolkenstein 

 Montag, 22. Mai 2000

Es ist 20:10 Uhr. Gerade fährt die Regionalbahn in Plattling ab. Heute mußte ich noch bis nach dem Mittag eine Veranstaltung mitgestalten und konnte deshalb statt am Wochenende erst heute nachmittag starten.

15:43 Uhr Abfahrt in Friedberg und dann vier Stunden Intercity durchgehend von Frankfurt nach Plattling. Über dem Bayrischen Wald hängen noch dicke, dunkle Wolken. Hoffentlich bleibt es trocken. Eigentlich wollte ich auf den gleichen Campingplatz wie letztes Jahr, aber es gibt wohl in der Richtung, die ich einschlagen will, noch einen Platz. Also werde ich den ansteuern. Hoffentlich bekomme ich noch vor der Dunkelheit mein neues Zelt aufgebaut (zum ersten Mal außer im Keller des Outdoor-Ladens). Morgen früh geht's dann hoffentlich in annehmbarem Wetter los. Ein Büchsenöffner fehlt noch und das Melkfett für den Hintern habe ich wahrscheinlich auch zu Hause gelassen. Aber es gibt ja auch im Bayrischen Wald Läden.

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Dienstag, 23. Mai 2000

Schon vor ca. zwei Stunden bin ich nach 92 km Fahrt in Treffelstein angekommen. Jetzt ist es 19:20 Uhr.

Gestern in der letzten Dämmerung das neue Zelt aufgebaut (geht prima!) und dann noch in die Wirtschaft zum Dampfbiertrinken. Bis 23:00 Uhr hab ich es ausgehalten. Drei Gäste vom Niederrhein - Vater, Tochter und Schwiegersohn, letztere in meinem Alter - waren ganz lustige Gesprächspartner. Der Junior auch Motorradfahrer, also ein bißchen Benzin geredet. Das Wirtsehepaar war übrigens aus Wuppertal.

Wider Erwarten ist es trocken geblieben und seit heute nachmittag ist es deutlich schöner geworden.

Von Zwiesel am (nicht im) Regen entlang nach Bayrisch Eisenstein, dann mindestens 400 Höhenmeter stramm bergauf auf 1.050 Meter mit leicht bewölktem Ausblick auf den großen Arber. Dann frierend wieder runter und ab Lam noch einen mittelprächtigen Aufstieg Richtung Neukirchen. In Furth im Wald den Bayrischen Wald verlassen und in den Oberpfälzer Wald "eingefallen". Dazu noch einmal ein steiler Anstieg, eine knappe Stunde mit 10% Steigung. Jetzt bin ich über Waldmünchen in einem Dorf auf einem kleinen Platz mit z. Z. sieben Dauercamperwagen gelandet. Nur ein alter Jäger mit Hund ist noch da. Der Platzwirt dürfte ca. 80 Jahre alt sein, die Sanitäranlagen in einem Holzschuppen etwa 30 Jahre alt ( so lange betreibt er den Platz schon).Dafür hats aber eine Solaranlage fürs Duschwasser auf dem Schuppendach. Da ich nur fünf D-Mark zu bezahlen habe, gibt's keinen Grund zum Meckern.

Heute mittag habe ich mir außer einem Büchsenöffner noch Melkfett (mit Ringelblume) gekauft, da mein hämorrhoidengeplagtes Hinterteil doch etwas Probleme macht. Ich hoffe, damit geht's!

Über mir in den Obstbäumen machen einige Stare einen Mords-Spektakel. Der Verkehr auf der 30 Meter entfernten Straße wird hoffentlich heute nacht aufhören. So, das reicht. Jetzt werde ich bei einem Blechtässchen Wein noch ein wenig lesen und dann schlafen.

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Mittwoch, 24. Mai 2000

Ein schöner Abend in Plößberg, ca. 11 km von Bärnau, etwas abseits meiner Route.

Heut liefs nicht so doll. Bei wolkenlosem Himmel um 9:40 Uhr losgefahren. Wenig Straßen und Orte, viele Waldwege entlang der Grenze. Dabei mehrmals etwas verfahren.

Einmal zeigte die Karte einen Weg, den es gar nicht gab (von Friedrichshäng hinab ins Tal). Also hab ich mich einen furchtbar holprigen, schmutzigen Waldweg ins Tal hinunter gekämpft, der vor einem Weidedraht endete. Links und rechts gings nicht weiter, also umgeschaut und festgestellt, daß die große Weide leer war. Fahrrad und mich selbst unter dem Draht durchgeschafft und weitergeradelt über die Wiese. Ungefähr in der Mitte angekommen, bemerkte ich - zu meiner Freude - im Viehunterstand, den ich gerade ansteuerte, einen Bullen, der mir interessiert entgegenblickte. Vor lauter Schreck bin ich im Renngang den Berg hinauf wieder zurück zum Zaun gestrampelt, um mich dann, immer die Bullen im Blick (es waren vier bis fünf) am Rand entlang zur Straße vorzuarbeiten. Der Bauer, den ich anschließend nach dem Weg fragte, hat mir bestätigt, daß die Vorsicht angebracht war.

Weiter gings zum Teil direkt an der Grenze entlang, die nur aus einer losen Reihe weiß gestrichener Pfähle besteht. In Waidhaus vor dem Supermarkt ein Pfund Joghurt und eine Flasche Radler verzehrt und dann wieder ab in die Berge, im Wald den Radweg verloren und wiedergefunden, ca. 400 Höhenmeter überwunden und dann hinunter nach Bärnau.

Auf der weiteren Strecke gibt's weit und breit keinen Campingplatz, deshalb bin ich die elf Kilometer nach Westen geradelt, um hier zu übernachten.

Der Platz liegt an einem kleinen See. Da ich nichts zu Essen kaufen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als in der Seebad-Gaststätte ein Schnitzel mit Kartoffelsalat zu verdrücken. Danach noch ein wenig am Wasser gesessen und den Vögeln und Fröschen gelauscht.

Wenn das Wetter mitspielt, komme ich morgen jedenfalls bis ins Fichtelgebirge. Unterwegs muß ich mir eine neue Zahnbürste kaufen. Meine alte ist abgebrochen.

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Donnerstag, 25. Mai 2000

Grad hat's fast aufgehört zu regnen. Ich bin am Pirk-Stausee in Sachsen, zwischen Markwitz und Taltitz in der Nähe von Oelsnitz gelandet. Heute habe ich eine Gewaltstour abgerissen. Zunächst den Ober-Pfälzer Wald "absolviert", mittags in Waldsassen gerastet ( da war ich im vorigen Jahr mit Papa) und dann weiter ins Fichtelgebirge.

Es gab nicht mehr so lange, harte Anstiege, aber es ging ständig hoch und runter. In Selb mußte ich entscheiden: Nach knapp 80 Kilometern seitwärts wieder einige Kilometer von der Route abweichen zum Übernachten oder weiter zum Pirk-Stausee und damit Bayern verlassen. Ich habe dann letzteres vorgezogen.

In Rehau, kaum 20 Kilometer von der "innerdeutschen Grenze" entfernt, habe ich einen etwas älteren Herrn nach dem Weg gefragt und dabei beiläufig erwähnt, daß der nächste Campingplatz ja wohl am Pirk-Stausee sei. Das wisse er nicht, erwiderte er, hier gäbe es keinen und in den "neuen Ländern" wisse er nicht Bescheid. Die Grenze sitzt noch ganz schön fest in den Köpfen.

Dann im ersten Ort in Sachsen, in Posseck, endlich mal wieder eine andere Sprache als Bayrisch gehört!.

Der Regen hat mich erst hier am Ziel eingeholt. Die ganze Strecke war es wider Erwarten und entgegen der Wettervorhersage trocken. Ca. acht Kilometer von hier habe ich dann einen kurzen, heftigen Schauer in einem Buswartehäuschen ausgesessen. Als ich eben den Spirituskocher abgestellt habe, um zu essen, fings wieder an. Also mußte ich erstmals im geschlossenen Zelt speisen. Übrigens führt ca. 200 Meter von hier hinter einer Lärmschutzwand eine vielbefahrene Autobahn vorbei. Da ich dieses permanente Brausen zur Genüge kenne, wird mich das wohl nicht allzu sehr am Schlafen hindern.

Der Platz selbst ist finsterster DDR-Standard: Der Wasch- und Duschraum der Männer ist ein größerer, am Boden mit alten Betonplatten gekachelter und an den Wänden mit alter Ölfarbe gestrichener Raum. In einer Ecke sind zwei Duschen abgemauert mit auf den Fliesen verschraubten Wasserleitungen, das Ganze ohne jegliche Abtrennung. Beim Wasseraufdrehen hatte ich als Erstes einen der Drehgiffe in der Hand. Die Toilette, die ich bisher noch nicht aufsuchen mußte, ist ein nicht sehr vertrauenerweckendes Häuschen. Alles in Allem nicht viel anders als bei dem "Opa" in Treffelstein. Dafür aber vermutlich um ein Mehrfaches teurer. Mal sehn! So, jetzt reichts für heute.

PS: Die Toiletten sind eine "Latrine", Plumpsklo und Pinkelbecken ohne Wasserspülung, Holzlamellen statt Fenster mildern durch permanente Frischluftzufuhr den strengen Geruch etwas.

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Freitag, 26. Mai 2000

Hier lieg ich nun! Mutterseelenallein weitab jeder menschlichen Behausung - nein, stimmt nicht ganz. Mein Zelt steht auf dem Gelände des Naturfreundehauses "Rote Grube", 7 Kilometer außerhalb von Sosa. Als ich um 20:45 Uhr hier ankam, war kein Mensch da. Eine Horde Betrunkener ist zum Glück gerade vorher an mir vorbei hinunter ins Tal gezogen.

Aber von Anfang an: Vom Pirk-Stausee gestartet bin ich erst um kurz vor 10 Uhr. Nach dem kräftigen Regen gestern Abend habe ich erst mal alles halbwegs trocknen lassen. Dann habe ich in den nächsten Stunden zweierlei feststellen können:

  1. Sowohl die normale Straßenbeschilderung als auch - noch mehr - die Radwegebeschilderung sind hier saumäßig! Verfahren habe ich mich immer wieder, zweimal bin ich unsinniger- und unnötigerweise steile Berge hinaufgestrampelt und -geschoben.
  2. Hier ists zum Teil verteufelt steil! Einige Male (öfter als in den Alpen) mußte ich schieben.

All das hat dazu geführt, daß ich mein angepeiltes Ziel, einen Campingplatz bei Annaberg-Buchholz, unmöglich erreichen konnte. In der Pension in Eibenstock, die ich dann angesteuert habe, sollte die Übernachtung mit Frühstück 55 DM kosten.Da habe ich es dann doch vorgezogen, mein Glück im Naturfreundehaus zu versuchen, das nicht, wie erwartet, im vier Kilometer entfernten Nachbarort Sosa, sondern weitere sieben zum Teil steil ansteigender Kilometer entfernt im Wald liegt. Erfolg siehe oben!. Waschen konnte ich mich nicht.

Einen Trinkwasserhahn habe ich zum Glück gefunden, da ich ganz schön ausgelaugt bin. Gegessen habe ich zum Glück schon unten im Dorf.

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Samstag, 27. Mai 2000

Zum ersten Mal in einer Pension eingekehrt.

In der letzten Nacht hat der Wind mein Zelt ganz schön gebeutelt. Als ich nachts noch mal raus mußte, war es aber sternenklar. Einen guten Liter Leitungswasser hab ich über Nacht weggeputzt. Heute morgen eine Tasse Kaffee und ein paar Stücke Schokolade - mehr gabs nicht. Nach Abbau des Zeltes fings pünktlch an zu regnen. War aber nur ein Schauer. Anschließend Start durch den Wald und tatsächlich auf Anhieb den richtigen Weg gefunden. Die Plackerei gestern abend war nicht umsonst, da ich diesen Berg ohnehin überwinden mußte. Dann hats aber doch wegen mehrerer langer, steiler Aufstiege bis mittags gedauert, bis ich Annaberg-Buchholz erreicht habe. Zwischendurch in Schwarzenberg zum Bahnhof, um mögliche Verbindungen für morgen zu erfragen. Der einzige Erfolg war die Erkenntnis, daß die dortige Strecke längst stillgelegt und damit mangels Bahnschalter auch keine Auskunft zu bekommen war.

In Annaberg gleich wieder zum Bahnhof, wo gerade die PDS ein Protestfest wegen der Stillegung auch dieser Strecke veranstaltete. Heute sind die letzten Züge zwischen Bärenstein und Wolkenstein gefahren (hier gibt es viele so "blumige" Ortsnamen). Die Weiterfahrt zur nächsten Bahnstrecke habe ich mir verkniffen, weil ich erstens nicht wußte, ob die gerade noch in Betrieb ist und weil zweitens ohnehin die Luft raus war, was die Kondition für diesmal angeht.

Also war Wolkenstein, der jetzige Endpunkt der Bahnlinie Richtung Chemnitz, das folgerichtige Ziel, das ich aber erst nach einer längeren Zwangspause wegen einsetzenden Regens erreicht habe. Da es keinen Campingplatz gibt und sich eine zweite Übernachtung in der Pampa wegen eventueller unangenehmer Gerüche am dritten Tag ohne Wäsche angesichts der bevorstehenden Bahnfahrt auch verbot, bin ich jetzt also in der Pension Sonnenhof gelandet.

Nach Ankunft führte der erste Weg unter die Dusche, danach gemütlich im Sessel durch alle Fernsehkanäle gezappt (zum ersten Mal in

diesem Jahrtausend). Morgen früh werde ich per Telefon-Weckruf um 5:45 Uhr geweckt, das Frühstück steht dann im Kühlschrank, Kaffee muß ich selber kochen, der Zug fährt um 7:00 Uhr.

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Fazit

Diese Tour war die bisher anstrengendste. Während bei beiden vorhergehenden Touren längere Flußuferfahrten dabei waren, gings diesmal nur durch Berge (von kleineren "Talfahrten" abgesehen).

Hier in "Ossiland" ist tatsächlich noch vieles anders. In den kleinen Städten gibt es viel marode bis baufällige Bausubstanz. Vieles steht leer - wo sind die Leute geblieben?

Noch eins: Wenn Du nach dem Weg fragst - mach Dich auf ausschweifende Beschreibungen mit mehrfachen Wiederholungen gefaßt. Einmal habe ich den Fehler gemacht, eine Familie (Vater, Mutter, halbwüchsiger Sohn) nach dem Weg zum Nachbarort zu fragen. Die Diskussionen und Erklärungen waren kabarettreif!

Radwege an Straßen - auch an vielbefahrenen Bundesstraßen - sind hier nahezu unbekannt. Allerdings wird von Autofahrern viel Rücksicht genommen. Häufig sind Autos hinter mir hergeschlichen bis zur nächsten zweifelsfrei gefahrlosen Überholmöglichkeit, wo selbst ich als Autofahrer mit unverminderter Geschwindigkeit vorbeigekachelt wäre.

Außerdem gibt es hier noch viele kleine, "verträumte" Alleen. Vor allem gestern habe ich einige davon "erfahren". Schön ist das schon, die weitgehend mangelhafte Straßenqualität dieser kleinen Nebenstrecken sind allerdings ein Härtetest für Fahrrad und Hintern.

Mittlerweile bin ich froh, daß ich nach ca. drei weiteren Tagen auf der nächsten Tour die Berge hinter mir habe und es dann weniger anstrengend sein wird.

Heimreise

Pünktlich um 7:00 Uhr Abfahrt in Wolkenstein und Reise durch das Tal der Zschopau, eine sehr malerische, aber offensichtlich total marode Strecke. Brücken (alte Stahlbrücken) passiert der Zug zum Teil mit 10 bis 20 km/h. Auch hier neben der Idylle das schon bekannte Bild: Überall leerstehende, verfallende Fabrikgebäude und große, zum Teil leerstehende Mietshäuser mit bröckelnden Fassaden. Neubauten habe ich kaum, Neubaugebiete nirgends gesehen.

Mittlerweile bin ich kurz vor Marburg. Die ganze Rückfahrt hat gut geklappt. In Flöha gleich Anschluß nach Chemnitz und dort die weitere Route erfragt. Als ich dann fast eine Stunde früher als angegeben nach Leipzig wegkam und dann mit Regionalbahnen jeweils kurzfristig über Halle und Nordhausen nach Leinefelde Anschluß hatte, dachte ich dem Fahrplan ein Schnippchen schlagen zu können. In Leinefelde hätten wir (ein mitreisender junger Radler und ich) endgültig eine Stunde gewinnen können, wenn wir sofort losgerannt und in den Zug am anderen Bahnsteig gestürzt wären. Bis wir uns sortiert und orientiert hatten, war der Zug nach Kassel aber weg und wir mußten eine Stunde warten, um dann doch in dem planmäßigen Regionalexpreß zu landen.

Der Regionalexpress Kassel - Frankfurt, in dem ich jetzt sitze, ist gut gefüllt. In ca. 25 Minuten (um 18:11 Uhr) bin ich in Friedberg, wenn der Zug nicht vorher in Butzbach hält. Daß meine "Rundfahrt" langsam Fortschritte macht, merke ich unter anderem daran, daß ich jetzt erstmals aus einer anderen Richtung in Friedberg ankomme (nicht mehr aus Frankfurt, sondern aus Kassel). Hier scheint auch wieder die Sonne nach schlechtem Wetter zwischendurch, so daß ich wohl gemütlich heimradeln kann.

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nächste Etappe